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Juni 2021

Karl Hofer, Badende um 1946

Vor 75 Jahren malte Karl Hofer dieses Bild. Es ist ein kleines Freiheitsgemälde, voller Hoffnungen und Sehnsüchte. Man muß die Lebensgeschichte des Malers kennen, um diese Einordnung zu verstehen. Karl Hofer hatte eine große Karriere schon hinter sich, als ihm 1933 seine Professur und seine Mitgliedschaft als Senator der „Preußischen Akademie der Künste“ von den Nationalsozialisten entzogen und ihm strenges Berufsverbot erteilt wurde. Es traf Hofer besonders, weil er sich als deutsche Künstler begriff und die Klassifikation „entartet“ ihm immer unverständlich blieb. 1942 wurde seine erste Frau in einem KZ ermordet, 1943 sein Berliner Atelier bei einem Luftangriff zerstört, 150 Gemälde und 1000 Zeichnungen dabei vernichtet - unersetzliche Dokumente seines frühen und mittleren Schaffens. 1945 - inzwischen schon 67 Jahre alt - wird er nach Kriegsende Mitbegründer und erster Direktor der Hochschule der bildenden Künste Berlin. Und in dieser Zeit entsteht dieses Bild der „Badenden“. Freiheit bedarf der Verbildlichung, um den abstrakten Begriff zu füllen, was eignet sich dafür mehr, als das persönliche Gefühl, das sich in Situationen wie dieser einstellt. Der frische Wind, der das Badetuch wegweht, das die Nacktheit des Paares schützt, ist ein frischer Wind. Er signalisiert Aufbruch, Ungebundenheit und Individualität. So ähnlich begriffen die Maler der Brücke vor dem 1. Weltkrieg ihre Figurenbilder, was sie zum Bürgerschreck machte. Nach dem 2. Großen Krieg ergeht es Hofer nicht anders. Er, der unter dem Kunstdiktat der Nazis gelitten hatte, wurde in den fünfziger Jahren als Protagonist gegenständlicher Kunst von den Verfechtern der allmächtigen Abstraktion um Will Grohmann verteufelt - und das, obwohl er selbst die Abstraktion nicht ablehnte, sondern die Feindschaft der beiden Kunstrichtungen als hausgemachte „sinnlose Absurdität“ bezeichnete. Diese Kontroverse war nebenbei auch der Grund, warum Ernst Wilhelm Nay, Willi Baumeister und Fritz Winter aus dem Deutschen Künstlerbund austraten. Karl Hofer griff dieser Disput gesundheitlich so an, daß er während dieser Auseinandersetzung am 3. April 1955 an den Folgen eines Schlaganfalls starb.

Man betrachte das kleine Freiheitsbild mit diesem Hintergrundwissen und frage sich, ob es nach dieser Pandemie, die Kunst und Gesellschaft einsperrte, vergleichbare künstlerische Aussagen geben wird…